„Einige Nachrichten an das All“ von Wolfram Lotz am Schauspiel Dortmund - hochpoetisch
Category: society » Culture

Dortmund. (döm) Die Dystopie von der Nichtexistenz des Theaters, am Ende wohltuend und dafür um so intensiver radikal negiert. Ein Versuch, den man jetzt im Schauspiel unter der Regie des Direktors Kay Voges eindrucksvoll auf die Bühne brachte. Und zwar in Form aneinandergereihter Filmsequenzen, die, jede für sich gesehen, ein poetisches, fragendes, zweifelndes Bild von der Wirklichkeit abzugeben versucht sind. Es ist gelungen, wenn auch … ungewohnt. Kino im Theater aufgrund des kaum zu realisierenden Bühnenbildes – im Fall von „Einige Nachrichten an das All“ des in Hamburg geborenen Dichters und Dramatikers Wolfram Lotz ein äußerst lohnendes Unterfangen. Worum geht es? Um Traum, Realität, Unendlichkeit, Leben und Tod. Da sind die Krüppel Lum und Purl, eindrücklich dargestellt von Frank Genser und Uwe Schmieder, die auf philosophischer Ebene ihr Sein, ihr Tun rechtfertigen. Wo stehen wir? Wer sind wir? Das sind zentrale Fragestellungen, die schließlich dazu führen, dass man ein Kind kriegen will. „Das geht nicht“, versucht Schwester Inge (Eva Verena Müller) als Mutter der Kompanie den beiden zu verdeutlichen. „Gib uns unser Kind“, quengelt Lum bis zum Exzess. Dann sind da die Kinder der Krebsstation, die die Ewigkeit erträumen. Ein Kameraschwenk zum Nachthimmel vermag alles, alles auszudrücken. Julia Schubert als verunfallte Hilda trifft in der Ewigkeit, gedreht auf Kohlehalden, Wiesen und Wäldern im Revier, auf Kleist, hilft, seine misanthropische Sicht der Welt ein klein wenig zu revidieren. Und der Leiter des Fortgangs (famos ramponiert aus einem real explodierten Auto steigend: Sebastian Graf) reist durch Raum und Zeit auf der Suche nach relevanten Nachrichten an das All – zusammengefasst in einem Wort. Naturforscher Rafinesque, oft der Quacksalberei besichtigt (Björn Gabriel), wählt das Wort „Mama“ als unverzichtbare Botschaft aus. Der ehemalige Talkshow-Gast (Julia Schubert) wird vom Leiter des Fortgangs auf irgendeinem Hochhausdach „outgesourct“. Dennoch gehört ihr Monolog im Interview zu den berührendsten Szenen des Films. Ronald Pofalla (Ekkehard Freye), im Film „ein Politiker, der einen Politiker spielt“ windet sich im Schlamm der Halde vor seinem Kamerateam, bevor er entblößt das Weite sucht. Intensiv, eindrücklich die gezoomte Kameraführung von Felix Schnittker und Miriam Scott.

„Wir befinden uns in einer Explosion, ihr Ficker“, ist der zentrale Satz von „Einige Nachrichten an das All“ - zu Anfang hingestellt und im Laufe der Handlung greifbar, erlebbar gemacht. Auch ist der Satz vom Theater Dortmund unzählige Male als Stückwerbung verwand. Wir befinden uns also in einer Explosion. Der 1981 geborene Autor Wolfram Lotz wurde für seine provokanten Thesen, seine poetische Annäherung an die Themen mehrfach ausgezeichnet.

„Auch du bist nur Weltraumschrott!“ Die Ausserirdischen aus dem Film sind auch beim Verlassen des Schauspiels allgegenwertig. Nachdenklich stimmende Zeitsichten verbreiten die „Nachrichten“. Wo, wer sind wir, und wenn ja, wie viele? So etwa könnte man die Fragestellung in Anlehnung an den viel zitierten Bestseller von Richard David Precht formulieren. Wir schicken in Sekunden Nachrichten an die gesamte Menschheit via Internet. Wir präsentieren uns dem Rest der Welt auf unserem Facebook-Profil. Die noch in den 1950er Jahren allüberall gepriesene bürgerliche Hülle, der schöne Schein bröckelt, verliert zunehmend an Bedeutung zugunsten einer immer schamloseren Outung allzu privater Details, die damit zunehmend an Bedeutung verlieren.

„Einige Nachrichten an das All“ von Wolfram Lotz am Schauspiel Dortmund - hochpoetisch

Dies ist auch der Kunst zu verdanken, die der scheinbar so glücklichen Nachkriegsära etwas von ihrer Spießigkeit nahm. Und es ist den „Nachrichten an das All“ geschuldet, das jene Thematik einmal öffentlich und unter Einbeziehung poetischer Polarisierungen behandelt wird. Ja, wir befinden uns in einer Explosion. Und ja, wir und alles, was wir geschaffen, sind kaum mehr als Weltraumschrott in der Unendlichkeit des Alls. Wir erschaffen, aber wir zerstören gleichermaßen. Und wir sind vergänglich. Aber: Die kleine Hilda, die auf dem Weg zum Kinderturnen tödlich verunglückte – ist sie umsonst gestorben? In der Ewigkeit erzählt sie Kleist, wie ihr Kanarienvogel gesungen hat, wenn sie ihn ansah. Schon das könnte für ein kleines Mädchen Lebensglück genug sein. Nach Ende des eindrucksvollen Films kommen endlich doch noch die Akteure live auf die Bühne. Sie stehen in einer Reihe, rezitieren die Fußnoten der „Nachrichten an das All“. Glücksmomente? Nachgedanken? Aufzählung von Gemüseformen, abstrakte Gesellschaftsentwürfe! Die Nase eines PKW schießt durch die Leinwand. Noch eine Explosion. Wie sieht die Zukunft aus? Niemand, niemand wird das sagen können. Verdienter Applaus im Schauspiel, wo etliche Plätze noch unbesetzt blieben. Pressesprecherin Djamak Homayoun: „Das mag an der Unbekanntheit des Autors liegen. Klar, wenn wir ein Stück auf die Bühne bringen, dessen Film gerade im Kino lief, dann ist die Resonanz auch dementsprechend.“ Auf dem Nachhauseweg sagt eine „All-Besucherin“ zu ihrer Freundin: „Ich würde das Wort Glück in den Weltraum senden.“ Der etwas andere, vielleicht futuristische Theaterabend, von der Kritik bejubelt, hat Denkanstöße gegeben. Auch, wenn es wenig begeisterte Stimmen im oft jungen Publikum gab. Aber: Das Theater bleibt mit derartig relevanten, nach Kräften umgesetzten Stoffen ein Thema, im Gespräch. In Dortmund und auch anderswo.

http://www.theaterdo.de

Add a Comment

Sign in to post a comment. New to Nachrichten.net? Register here.

More from doemgespress (View All)

NRW: Ruhrfestspiele starten mit buntem Kulturprogramm !!!
NRW: Ruhrfe ...
Schauspiel-Männerhort: Millieustudie über („keine“) Verlierer der Konsumgesellschaft
Schauspiel- ...
Drei Tage Wien …- „Salon der Angst“ in der Kunsthalle
Drei Tage W ...
Geierabend 2014: Ein Hossa auf Beuys …
Geierabend ...
Ballett: „3 Farben Tanz“ an der Oper Dortmund - Choreographik / Exaktheit / Fragen
Ballett: „3 ...
Westpark Music - 2x Nordic-Folk-CD: Ulrika Bodén-Band, „Folk Love Songs“/Poeta Magica, „Saga“
Westpark Mu ...