Interview mit dem Musiker Lüül
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LÜÜLS Lieder sind verdichtete Alltagspoesie, zärtlich, vergnüglich, lakonisch. Mit einem Hauch von Neuer Deutscher Welle, Polka, Skiffle, Ballade, einem Spritzer Rock `n` Roll.

Szene Deutschland führte mit dem Künstler ein EXKLUSIV-Interview, lesen Sie bitte hier:
Interviewer: Willi Schewski

Frage 1: Wer sich näher mit Deiner Biografie befasst, weiß, dass Du in den 1970er Jahren zusammen mit bekannten und berühmten Künstlern, wie John Cale und der - leider viel zu früh verstorbenen - Velvet Underground-Sängerin "Nico" Musik gemacht hast. Stört es Dich, wenn man Dich immer wieder auf die "alten" Zeiten anspricht?

Nee, gar nicht, bin stolz drauf, mit diesen aussergewöhnlichen Menschen und Künstlern gearbeitet zu haben.

Wenn man mich allerdings nur darauf reduziert, kann es nerven.

Frage 2: "Nico", mit der Du eine Zeit lang liiert warst und einige Projekte realisiertest, starb ja 1988 eines tragischen Unfalltodes. Wie sehr hat Dich ihr Tod geprägt - und wie denkst Du über den Tod? Ist danach "Schluss" - oder wie ist Deine Meinung?

Ihr Tod kam - obwohl man ja bei Nico immer damit rechnen musste - doch sehr unerwartet für mich. Gerade noch hatte ich in Berlin mit ihr zusammengearbeitet und auch ein Flugticket für einen Nico Besuch nach Ibiza genau an dem Tag gekauft, an dem ich von ihrem Tod erfahren musste. Ich habe das in meiner Autobiografie "Lüül-ein Musikerleben..." auch ausführlich beschrieben.

Es war das erste Mal, das der Tod so nah kam und die Tage und Wochen danach waren sehr intensiv und auf merkwürdige Weise tief, aufwühlend und in einer anderen Schwingung, die im normalen, oberflächlichen Alltag so nicht herrscht.

Keine Ahnung, was nach dem Tod passiert. Irgendwie bleibt die Energie ja doch bestehen, kann mir schon vorstellen, dass man sich dann auf anderer Ebene wieder begegnet.

Frage 2a) Wer war "Nico" wirklich? Sicherlich kannst Du etwas differenzierter (als manche Medien) über diese talentierte und sensible Frau berichten? Woher stammte dieser oftmals düstere, melancholische Stil? Kannst Du uns bisschen über "Nico" erzählen?

Schwierige Fragen. Wer Nico wirklich war, weiß wohl keiner wirklich zu beantworten. Selbst nach dem sehr gut recherchierten, tollen Portrait-Film "Nico-Icon" ist man eher ratlos, denn sie wird wohl immer ein Mysterium bleiben. Vielleicht hat Vieles mit den Eindrücken aus den Kriegstagen zu tun. Fakt ist wohl, dass sie schon als Kind immer etwas anders war als andere, als schwebte sie 10 cm über dem Boden.

Frage 3: Bist Du religiös? Wie stark bist Du durch Religion geprägt, wie denkst Du allgemein über Religion? In wieweit fließ Musik mit in Deine Musik hinein?

Hm, bin christlich erzogen, insofern also mit unserem christlichen Weltbild und entsprechender Moral aufgewachsen, aber nicht sonderlich religiös.

Frage 4: 1979 gabst Du IM CBGB`S ein LEGENDÄRES KONZERT ZUSAMMEN MIT JOHN CALE. Hast Du noch Kontakt mit Cale? Kann man vielleicht mal eine neue Zusammenarbeit mit Cale erwarten/erhoffen?

Ja, immer mal wieder, aber zunehmend indirekt über sein Management, zuletzt letztes Jahr anlässlich des 20. Todestages Nicos und meines Nico Tribut Events in Berlin. Zusammenarbeit hat sich da aber nicht ergeben und ist auch in Zukunft nicht zu erwarten.

Frage 5: Du kannst ja mittlerweile auf eine über 45-jährige Bühnenerfahrung im In- und Ausland zurückgreifen. Gibt es Unterschiede beim Publikum? Was unterscheidet das deutsche Publikum vom amerikanischen und englischen?

Auf jeden Fall. In Frankreich habe ich ein sehr offenes, junges, tanzfreudiges Publikum, in Amerika ein begeisterungsfähiges, aktives, in England ein uriges, originelles, wetterfestes und humorvolles.

Wir in Deutschland - ich beziehe mich da mit ein - sind eher abwartend und nicht so schnell aus der Reserve zu locken, dafür vielleicht aber tiefer interessiert.

Frage 5a) Wie denkst Du politisch über das Deutschland von heute, dass ja von einer Krise in die nächste rutscht und in dem es alles andere als immer gerecht vor sich geht?

Besonders als ich von einer langen, intensiven Süd- und Mittelamerikareise durch ärmste Regionen nach Deutschland zurückkam, war es schlimm zu sehen, wie miesepetrig und mit Ängsten und Sorgen beschäftigt, wir Deutschen doch sind, obwohl wir im Vergleich zu anderen Ländern, im Wohlstand "baden".

Auch wenn es jetzt auch hier vielleicht mehr Nöte gibt, vermisse ich den Optimismus, das selber in die Hand zu nehmen. Politisch tendiere ich mehr und mehr dazu, mich darum immer weniger zu kümmern, da es im Großen und Ganzen gut funktioniert.

Ausserdem stelle ich eine große Politikverdrossenheit bei mir fest, die sich in Interessenlosigkeit äußert. An Gerechtigkeit glaube ich eh nicht, denke auch nicht, dass die Natur gerecht ist. Bei mir ist da ein gewisser Fatalismus zu verzeichnen.

Frage 6: Gab es etwas, auf dass Du in den vergangenen 46 Jahren Musikerleben besonders stolz bist?

Generell: dass ich den Glauben ans Musikmachen nie aufgegeben habe. Das wurde dadurch belohnt, dass ich in diversen "Kultbands" spielen durfte, obwohl das nie so geplant war. (Agitation Free, Ash Ra Tempel, Nico, 17 Hippies). Stolz bin ich auch, dass mich die Musik immer wieder in die weite Welt getragen hat und ich so Plätze sehen durfte, die ich vielleicht als normaler Deutscher so nicht gesehen hätte.

Stolz auch, weil es als deutscher Musiker nicht selbstverständlich ist, in New York, Chicago, Madrid, Paris,Jerusalem, Japan,China etc aufzutreten. Stolz, als eine "Weltpersönlichkeit" im Tokyo Tower Wax Museum zu stehen. Stolz auch, da die Leute zu erreichen und ein Lächeln in ihr Leben zu zaubern, das ist wirklich ein sehr schönes Gefühl und all die Strapazen wert! Ja, es gibt schon auch Stolz.

Frage 7: Gab es etwas, das Du als Musiker in der Zeit bereutest?

Ohja, vieles, immer wieder. Aber das gehört zum Leben und zum Musikerdasein dazu und es handelt sich eher um Kleinigkeiten. Ich stehe zu allen Höhen und Tiefen, denn ich kann nicht sagen, wie Plan B gewesen wäre, da ich ihn nicht gelebt habe. Also, was solls?

Frage 8: Was darf das Publikum am 20.02.2010 in Flensburg erwarten?

Auf jeden Fall einen sehr intimen,unterhaltsamen, fröhlichen, musikalischen Abend, mit meinen deutschsprachigen Songs, erlebten Geschichten, die mit viel Hingabe, Humor, gutem Handwerk und Nonchalance von einer spielfreudigen Band präsentiert werden. Mit Kerstin Kaernbach (Geige, Bratsche, singende Säge, Gesang), Kruisko (Akkordeon, Gesang), Carsten Wegener (Kontrabass, Mundharmonika, Kalimba, Gesang) und mir (Gesang, Gitarre, Ukulele, Banjo) übrigens alles Musiker bei den 17 Hippies.

Frage 9: Mit dem Lied "Morgens in der U-Bahn", das als eines der ersten Lieder in der deutschen Popgeschichte gilt, das einen Sprechgesang vorweist, giltst Du als ein Pionier des deutschsprachigen Raps. Wie denkst Du heute a) über die deutschsprachige Rock- und Popmusik im Allgemeinen und b) dem deutschsprachigen Rap und HipHop im Speziellen?

Gibt immer wieder gute Bands, gute Songs und neue Künstler und ich finde es interessant, das es auch immer mehr Internetradios gibt, die sich weg vom Mainstream bewegen. Die Radiolandschaft tagsüber finde ich eher langweilig, obwohl wir hier in Berlin noch eine gute Auswahl haben.

Was das Aktuelle betrifft, da erwischt du mich auf dem falschen Fuss, denn ich höre selten Musik, nur beim Autofahren. Mit Bushido hab ich nich so, aber Peter Fox finde ich großartig oder auch Fettes Brot!

Frage 10: Das Internet und die mp3-Technik hat die Musikszene in den letzten 10 Jahren maßgeblich verändert. Jede/r kann heute praktisch Musik machen und kommerziell verbreiten. Wie denkst Du über die neuen Medien, das Internet, Youtube, Downloading und die CD? Wie nutzt Du die neuen Medien? Wie siehst Du die Zukunft der Rock- und Popmusik?

Interessante Fragen. Da bin ich sehr zwiespältig. Ich nutze selbst Youtube als Konsument und finde es großartig, was man da jetzt alles auf Knopfdruck gratis zur Verfügung hat. Auf der anderen Seite, mache ich mir Sorgen wie das alles weitergehen soll, wenn der Urheber von Film und Musik u.a. nicht mehr bezahlt wir und alles als freiverfügbare Ware gesehen wird. Da muss eine Regelung gefunden werden, die weltweit greift, was natürlich extrem komplex ist.

Ein bisschen schade finde ich, dass es bald die Cd als Gesamtprodukt wohl nicht mehr geben wird, auf der anderen Seite begrüße ich die Mündigkeit der Konsumenten, sich Songs selbst zusammenzustellen und eben nicht mehr auf ganze CDs zu setzen, wo einem vielleicht nicht alle Songs gefallen. Prinzipiell finde ich, dass die Musik in unserem Leben ein zu große Rolle eingenommen hat, allgegenwärtig ist, dass man überall berieselt wird.

So genieße ich zu Hause auch meine Ruhe und höre kaum Musik. Gut und schlecht ist auch, dass jeder sehr schnell, irgendwas kreatives herstellen kann, das ist toll für die Leute und man sieht erstaunliches im Netz. Gut finde ich, dass Livemusik wieder einen höheren Wert darstellt. Leider geht der Trend an vielen kleinen Clubs vorbei, die sich wahnsinnig anstrengen, Kulturarbeit zu leisten und darunter zu leiden haben, dass junge Leute lieber DJs hören, weil sie einfach nur abtanzen wollen.

Frage 11: Zur Zeit läuft im TV wieder recht erfolgreich "Deutschland sucht den Superstar". Wie denkst Du im Allgemeinen über die Sendung und Castings im Speziellen?

Hab da nur paar Mal reingeguckt, da ich selbst schon seit Jahren keinen Fernseher besitze. Die Art und Weise finde ich unmöglich. Aber das ist unsere Zeit, so what? Allerdings fand ich "popstars" schon auch mal interessant, da die jungen Musiker dort sehr viel in kurzer Zeit lernen konnten und von professionellen Lehrern gecoacht wurden, wenn natürlich auch klar ist, dass auf Quote ankommt.

Sehe auch sehr gerne das englische Pendant X Factor, das aber auch sehr unterhaltsam gemacht ist und auch nicht ganz so menschenverachtend wie Bohlen und Co.

Frage 11a) Was würdest Du Nachwuchsmusikern heute empfehlen, wenn Sie den Traum haben, Berufsmusiker werden zu wollen?

Mach dein Ding!

Frage 12: Hast Du, trotz Deiner großen Erfahrung, Erlebnissen und Erfolgen im In- und Ausland noch als Musiker einen Traum? Mit wem würdest Du gerne mal zusammenarbeiten?

Würde gerne mit den 17 Hippies in der Waldbühne auftreten. Wir arbeiten ja ständig bei den 17 Hippies mit ausländischen Musikern zusammen, sodass das schon fast Alltag ist. Im Moment interessiere ich mich für afrikanische Musik, besonders wie sie dort Gitarre spielen. Es gibt aber keine speziellen Künstler, die mich jetzt speziell reizen würden.

Frage 12: Was kann man in Zukunft von Lüül erwarten?

Bereite gerade wieder eine neue CD vor und möchte auch gerne mehr in Deutschland mit meiner Band auftreten, denn es macht unheimlichen Spaß!

Frage 13: Was möchtest Du unseren Lesern am Ende noch mitteilen?

Danke für diese Frage. Mein Motto lautet "mach das Leben schön", in diesem Sinne grüße ich alle Leser und Hörer und rege sie an - wenn sie es nicht schon tun - ihrem eigenen "Weg zu folgen". Und natürlich: dass möglichst viele den Weg am 20.2. um 21 h ins Hummels Eck in Flensburg finden! Mehr Infos unter http://www.luul.de/ oder myspace.

Lutz, vielen Dank für das Interview!

Text / Foto: Willi Schewski
http://szene-deutschland.blogspot.com/

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