„Der Text führt Regie“
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„Der Text führt Regie“

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Kulturgipfel veranstaltet nicht nur Konzerte, auch ganz besondere Lesungen haben wir in unserem Programm. Eine besondere, weil szenische Lesung möchten wir heute vorstellen:
Die creActor-Stipendiaten 2009 lesen am 30. Juni im Johannissaal im Nymphenburger Schloss Friedrich von Schillers "Maria Stuart".
creActor ist ein 2007 gegründetes, gemeinnütziges Projekt, das von Schauspielern für Schauspieler entworfen wurde.
Mit der Absicht, Sprachkunstwerke gemeinsam zu erarbeiten, bietet creActor jährlich 4-5 jungen Schauspielern die Möglichkeit, sich auf intertextueller Ebene einem Stück intensiv zu nähern. Im Rahmen eines 10-tägigen Intensivseminars in einer Berghütte wird ein ausgewähltes Stück der klassischen Theaterliteratur inhaltlich und sprachlich aufgeschlüsselt und anschließend szenisch umgesetzt. Diese intensive Auseinandersetzung mit der Literatur gibt den jungen Schauspielern die Gelegenheit, die im Text verdichteten Erfahrungswelten aufzutun, und sie können den Inhalt somit auch auf seine Aktualität hin überprüfen.
Tobias Maehler, Vorstand und Gründer von creActor hat uns in einem Interview die Besonderheiten der Lesungen erläutert.
Der Schauspieler absolvierte seine Ausbildung am Lee-Strasberg-Theatre-Institute in New York sowie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Maehler spielte u.a. am Hamburger Thalia Theater, an den städtischen Bühnen Frankfurt am Main sowie am Berliner Ensemble. Seit 2008 lebt Tobias Maehler wieder in seiner Heimatstadt München und arbeitet als freier Schauspieler.

Maehler leitet das jährliche Intensivseminar und erläutert die 10-tägige Reise in die Welt der Literatur wie folgt: „Zunächst nähern wir uns der Architektur des jeweiligen Textes. Dazu werden Informationen zu Autor, Epoche, Hintergrund und Entstehung vermittelt. Das inhaltliche Verstehen, das was vom Autor gemeint ist, also die sprachliche Eroberung des Textes, steht dabei im Vordergrund. Die Passion, den Text sprachlich zu erobern, soll angeregt werden.“
„Im Regietheater werden zwar oft tolle Bilder gefunden“, so Maehler, „doch wird der Einbezug des kunstvoll-technischen Sprachwerks meist vernachlässigt. Dabei sollte gerade darauf der Fokus liegen. Die detaillierte Annäherung an den Text hilft enorm, den richtigen Sound, Tonfall und Ausdruck für den hohen und ursprünglichen Gedanken zu finden und nur so kann er auch dem Publikum nahe gebracht, und vor allem verständlich gemacht werden. In der Suche nach dem Abenteuer der sprachlichen Richtung kann dem Autor in seinen Absichten gefolgt werden und der Text somit für das heutige Ohr zeitgemäß umgesetzt werden, ohne seine ursprüngliche dramatische Wirkung zu verlieren.“
Das Ergebnis dieses Seminars sind die szenischen Lesungen, die dann in öffentlichen Veranstaltungen vorgestellt werden.
In diesem Jahr fiel die Textauswahl auf Schillers „Maria Stuart“.
Friedrich Schillers (1759 - 1805) packendes und unter die Haut gehendes Trauerspiel um die schottische Königin, die als schöne Sünderin und erhabene Märtyrerin ihr Leben auf dem Schafott lassen muss, fesselt Theaterbesucher seit Jahrhunderten.

Auf der Suche nach sprachlicher Auflösung
Maehlers Begründung für diese Auswahl: „Als erfahrener Schriftsteller und nach langjähriger Auseinandersetzung mit philosophischen Schriften sind Schillers Texte sowohl mit zeitgenössischen philosophischen Ideen belegt als auch auf episch-sprachlicher Ebene ausgereift. Die Schwierigkeit besteht darin, dass zunächst der Sinn der verschiedenen Ausdrucksebenen des Textes verstanden werden muss. Oft scheint die persönliche Einstellung Schillers auf intertextueller Ebene durch. So spricht er teilweise mit Hilfe der Personen direkt zum Publikum, beschreibt aber im nächsten Moment wieder das situative und szenische Verhalten der Charaktere. Die Kodierung des Textes, die der Schriftsteller subtil durchgeführt hat, muss erst verstanden werden und mit Hilfe von Sound, Dynamik, Timing umgesetzt werden, um dem Zuhörer die verschiedenen Intentionen des Autors bewusst zu machen.

Maehler zum Unterschied zwischen szenischer Lesung und Kammerspiel:
„Die Schauspiel-Regie geht meist subjektiv vom Regisseur oder dem Schauspieler selbst aus oder wird von einer bestimmten Ästhetik ausgehend geführt. Doch geht man rein vom Text aus, ist die 4. Wand, bzw. jede Theatertheorie unwichtig. Die Aufschlüsselung des sprachlichen Kontextes ist gleichermaßen der Schlüssel für den Zugang zum Inhalt und der Intention des Autors, denn der Text selbst sollte die maßgebende Regie für eine szenische Lesung sein!“
Maehler weiter: „Der Autor führt mit seinem Text ausreichend Regie, diesem muss man auf die Schliche kommen und durch schauspielerische Technik umsetzen und damit die Sinnlichkeit des Textes für Zuschauer offenbaren.“
Die Lösung im Sinne des Autors sei deswegen so überaus interessant und herausfordernd, da die Autoren meist sowieso im Sinne des Schauspielers geschrieben haben und somit der Text als notwendige Anweisung ausreicht und häufig keine Zusatzinterpretation zwingend nötig ist. Der „Sinn hinter den Buchstaben“ muss also lediglich verstanden und umgesetzt werden.
„Mit der Verwendung der reinen Aussage, einer klaren Sprechweise und dem Esprit der Stimme kann der Zuschauer sich angesprochen fühlen. Dazu muss man sich vom gängigen Theaterton entfernen, der oft die ursprüngliche Intention des Autors nicht erfasst. Vielmehr ist eine brisante, interessante Lösung des Textes nötig, damit die Instinkte des Zuschauers erreicht werden. Stets soll das Abenteuer des Sprachkunstwerkes im Vordergrund stehen.“

Wenn Sie jetzt Lust auf diesen spannenden Literaturabend bekommen haben, freuen wir uns Sie am Mittwoch, den 30.6.2010 im Johannissaal auf Schloss Nymphenburg begrüßen zu dürfen.
Tickets können Sie auf http://www.kulturgipfel.de oder telefonisch unter der 089/5596860 bestellen.
Kulturgipfel

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