Die FDP ist unsexy – und deshalb modern
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Die FDP ist unsexy – und deshalb modern

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Unter den vielen Merkwürdigkeiten der deutschen Politik in diesem Krisensommer ist die Popularität der FDP das Merkwürdigste. Sicher, erklärungsbedürftig ist auch die Liebe der Deutschen zu einer Kanzlerin, von der niemand zu sagen weiß, was sie eigentlich will, und der Liebesentzug, unter dem der Kanzlerkandidat der SPD leidet. Charismatisch ist er gewiss nicht; aber ihr wird gerade das Uncharismatische zugute gehalten. Vergleichsweise rational wirkt da noch der Zoff zwischen den Verlobten Union und FDP; schließlich ist beider Position in Koalitionsfragen: Hier stehe ich, ich kann auch anders. Und das liegt eben daran, dass niemand, der die große Koalition beenden will, an der FDP vorbeikommt. Wie kommt es, dass die Partei des freien Markts und der Staatsskepsis mitten in einer Krise des Markts und einer Renaissance des Staatsinterventionismus so stark da steht wie selten zuvor? Wie kommt es, dass die Partei, der die Reformen der Schröder- und Merkelkoalitionen nie weit genug gingen, in einer Zeit der allgemeinen Reformmüdigkeit darauf hoffen kann, mit einem Mandat zur Reform in die Regierung geschickt zu werden?

Bevor man eine Antwort erwägt, sollte man sich vor Augen halten, wie unwahrscheinlich eine Erscheinung wie die deutsche liberale Partei ist. Weder im angelsächsischen noch im kontinentaleuropäischen Raum findet man eine Parallele zur FDP. Und – um das vorwegzunehmen – diese Einmaligkeit spricht für sie und für Deutschland. Es gilt zwar als Binsenwahrheit, dass die politische und wirtschaftliche Liberalität in den angelsächsischen Ländern beheimatet ist und es in Deutschland schwer hat. Wer jedoch die Politik der Regierungen Bush und Obama betrachtet, wird beim einen den Rechtsstaatsliberalismus, beim anderen den Wirtschaftsliberalismus vermissen. In Großbritannien wiederum, wo New Labour so etwas wie einen sozialliberalen Aufbruch verhieß, setzt die Regierung mittlerweile auf eine Mischung aus Keynesianismus und sozialer Kontrolle, die alle Befürchtungen eines Friedrich Hayek zu bestätigen scheint. Die Dichte an Überwachungskameras sucht in der Welt ihresgleichen, und dieser Tage erschienen ganzseitige Anzeigen der Regierung, in denen die Bürger aufgefordert werden, ihre Nachbarn bei Verdacht des Missbrauchs von Sozialleistungenunter einer gebührenfreien Nummer anonym zu denunzieren. Liberalität sieht anders aus. Betrachtet man die anderen Länder Europas, so sind die Liberalen entweder bedeutungslos, oder sie sind Populisten, die den urliberalen Instinkt einer Abneigung gegen bürgerferne Politiker und anonyme Verwaltungsmaschinen mit entschieden antiliberalen Affekten – etwa gegen die Zuwanderung oder gegen Europa – verbinden.

Die FDP hat sich gegen die populistische Versuchung immer entschieden gewehrt – nein, nicht immer entschieden, siehe die Affäre Möllemann, aber doch am Ende immer erfolgreich. Als Folge mag sie ein wenig dröge wirken. Ihrem Personal fehlt die Attraktivität des Verruchten, die einem Blocher, Haider oder Wilders zu Medienwirksamkeit verhilft; ihm fehlt auch die lebensgeschichtliche und lebensweltliche Aura des Rebellentums, von der die Grünen so lange zehrten. Einen FDP-Mann stellt man sich immer mit Blazer und Hartschalenköfferchen vor; nützlich als Verteidiger vor Gericht oder als Anlagenberater, aber entschieden unsexy.

Und niemand verkörpert diesen Typus vollkommener als Guido Westerwelle, dessen Biograph selbst bei intensivster Recherche keine einzige richtige Jugendsünde entdecken konnte. Und Westerwelle gelang es noch nicht einmal, aus seiner Homosexualität Kapital zu schlagen – oder wenigstens aus diesem Unvermögen Sympathiewerte zu generieren. Kurzum, die FDP hat nichts zu bieten außer kühlem Sachverstand und unpopulären Positionen. Sie ist damit modern zu einer Zeit, die sich als postmodern begreift. Und das mag das Geheimnis ihres Erfolgs sein. Wenn sie damit zum Königsmacher der deutschen Politik wird, könnte sie jene Auguren Lügen strafen, die eine postdemokratische, ja postpolitische Ära heraufdämmern sehen, in der Politik durch Pop ersetzt wird – und zur letzten, besten Hoffnung für die liberale Idee in Europa avancieren.


Quelle: Welt online

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