Nach der Krise: Islamic Banking als Alternative für das deutsche Bankensystem?
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Nach der Krise: Islamic Banking als Alternative für das deutsche Bankensystem?

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(von Alexander Mostafa – OPTIMUS Redaktion) IS – Islamischer Staat, 9/11, Terrorismus, religiöser Fanatismus, … Die Liste der Negativschlagzeilen im Zusammenhang mit dem Stichwort „Islam“ ist lang. Begriffe, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Adjektiv „islamisch“ stehen, haben seit Beginn des neuen Jahrhunderts eine zunehmend negative Konnotation erfahren. Angstbesetzt erscheint die Weltreligion vor dem Hintergrund der jüngsten globalen Ereignisse und ihrer medialen Berichterstattung. Dass der Islam eine der zentralen Wissensquellen in der Menschheitsgeschichte darstellt, gerät im Kontext von aktuellen Schreckensszenarien fast in Vergessenheit. Nicht selten bleibt der Blick an Gefahren und Risiken haften, obwohl andere Kulturen reich an Erfahrungen und Lösungsansätzen für Probleme in der eigenen Kultur sein können. Betrachtet man die Finanzkrisen der vergangen Jahre, so steht man einem solchen Problem gegenüber. Viele Bürgerinnen und Bürger haben ihr Vertrauen in das deutsche Bankenwesen verloren und ein Umdenken im Finanzsektor scheint dringend notwendig geworden zu sein. Der Ruf nach mehr Verantwortungsbewusstsein sowie ethisch begründetem Handeln ist dabei nicht nur in der Bevölkerung laut geworden, sondern wird auch von der Politik vehement gefordert. Doch die Frage, wie sich eine Alternative im Konkreten darstellen könnte, ist nur schwer zu beantworten. Die Kombination von Ethik und Geldgeschäften scheint nicht unmittelbar vereinbar zu sein. Daher furchen sich die Stirnpartien der politischen Akteure bei der Suche nach einem neuen System, das mehr Stabilität und Verlässlichkeit in Aussicht stellen kann und dem Menschen eine zentrale Position zuweist.
Mit dem Prinzip des Islamic Banking stellt Dr. Ayhan Yildiz in seiner Dissertation ein mögliches Alternativsystem zur Diskussion. Die Idee des islamischen Bankenwesens ist dabei vergleichsweise neu: Seit den 1960er Jahren wird das Islamic Banking in vielen islamisch geprägten Ländern in der Praxis angewandt und ist inzwischen auch in einigen europäischen Ländern präsent. Das islamische Bankenwesen enthält dabei eine Komponente, die dem deutschen wie auch dem international vorherrschenden Finanzsystem scheinbar abhandengekommen ist: Moralisch und ethisch begründete Prinzipien. Die Fragen, wie genau dieses System funktioniert und ob es sich auch in Deutschland anwenden lässt, stellen die Kernpunkte in Dr. Yildiz‘ Arbeit dar. Unter dem Titel „Islamic Banking in Deutschland - Herausforderungen und Umsetzung eines unkonventionellen Finanzsystems in Deutschland“ führt der promovierte Betriebswirt seine Überlegungen zum Thema aus und präsentiert dem Leser eine umfassende Einführung in die Grundlagen des Islamic Banking. Wie im Titel angekündigt, haftet dem – im nicht-islamischen Kontext weniger bekannten – System eine gewisse Unkonventionalität an, da viele Prinzipien dem westlichen Verbraucher eher fremd erscheinen. So gilt im Islamic Banking beispielsweise ein allgemeines Zinsverbot. Des Weiteren   sind Spekulationen und Glücksspiele verboten, sowie der Handel mit bestimmten Gütern wie etwa Alkohol oder Waffen sowie Investitionen im Sektor der Prostitution.   Die Akteure sind somit bestimmten Regeln verpflichtet, welche die Finanzgeschäfte reglementieren und an die Gebote des Islam anbinden.
Dr. Yildiz stellt das System des Islamic Banking jedoch nicht nur vor, er thematisiert zudem eine mögliche Anwendbarkeit in der Bundesrepublik. Bei seiner Argumentation geht er von den Grundlagen des deutschen Finanzsystems aus und erläutert vor dem Hintergrund des Bekannten kontrastiv die Grundzüge des Islamic Banking. Zu diesem Zweck erfolgt eine Fallstudie, welche die „Hayal Bank“ (Name anonymisiert) als erstes islamkonformes Finanzinstitut Deutschlands in den Fokus nimmt. Zudem richtet der Autor seinen Blick nach Großbritannien und erläutert die Etablierung des Islamic Finance bzw. Banking im Vereinten Königreich. Um seine Arbeit von den vorhandenen deskriptiven Publikationen zum Thema abzugrenzen, ist ein praxisnaher Zugang gewählt, der durch qualitativ durchgeführte Experteninterviews komplementiert wird.  
Sowohl dem wirtschaftswissenschaftlich vorgeprägten Leser als auch dem Laien ermöglicht dieses Vorgehen den Einstieg in die (akademische) Auseinandersetzung mit dem vielversprechenden Thema. Nicht nur ein Überblick über die Mängel unseres Systems wird dabei vermittelt, vor allem der Blick fürs Detail wird geschärft. In diesem Sinne leistet Dr. Yildiz etwas, das in der inzwischen langwierig geführten Debatte um die Bankenkrisen und die damit verbundenen Handlungsmöglichkeiten nur selten zu finden ist: Er liefert einen neuen Impuls in der Diskussion und stellt eine Alternative vor, die auch für Deutschland zumindest in die Betrachtung einbezogen werden sollte.

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