EM-Fehlstart gegen Polen: Offensive Monokultur
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EM-Fehlstart gegen Polen: Offensive Monokultur

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Wenig Tempogegenstöße, die Außen und der Kreis versauerten: Bei der EM-Auftaktniederlage gegen Polen bot die deutsche Handball-Nationalmannschaft eine einfallslose Offensivleistung. Es droht das frühe Turnier-Aus. Hoffnung aber macht eine Niederlage bei der WM 2007.

Es gab viele dieser Kampfszenen, wie Bundestrainer Heiner Brand sie fordert, diesen bedingungslosen Fight im physischen Grenzbereich. Einen Hechtsprung des Göppingers Manuel Späth nach 20 Minuten, der so einen verloren geglaubten Ball zurückeroberte. Linksaußen Stefan Schröder vom HSV Hamburg verletzte sich gar, als er dem Ball entgegenrutschte, kurz vor der Pause so schwer am Trommelfell, das für ihn das Turnier beendet ist und Brand den Göppinger Christian Schöne nachnominieren musste. "Mit dem Kampfgeist der Mannschaft war ich zufrieden", sagte Brand.

Sich auf diese deutsche Tugend zu verlassen, reicht auf diesem Niveau allerdings nicht, wie die 25:27 (8:12)-Niederlage im Auftaktspiel der 9. Handball-EM in der Innsbrucker Olympiahalle gegen Polen eindrucksvoll dokumentierte. Die Osteuropäer lieferten wahrlich keine Glanzleistung ab. Doch in diesem ziemlich furchtbaren Handballspiel vor 8200 lärmenden Fans, in dem allein die Torhüter und die dänischen Schiedsrichter internationales Spitzenformat demonstrierten, war das deutsche Team spielerisch deutlich unterlegen. Es hätte in Innsbruck daher auch mit einem Desaster enden können für den Weltmeister von 2007, der bis Minute 50 noch mit sechs Toren im Rückstand lag.

Angenommen, die deutsche Mannschaft wäre ein Körper, dann krankt dieser Körper einfach an zu vielen Stellen. Er wirkt nicht harmonisch ausgebildet und austariert, er wird eindeutig zu einseitig belastet. Und zwar im Rückraum. Diese drei Positionen auf halblinks, Mitte und halbrechts bezeichnet Brand gern als Herzstück jedes Teams, weil von hier nahezu jeder Angriff ausgeht. Im Idealfall wird, wenn der Rückraum genügend Druck auf die gegnerische Abwehr ausübt, so viel Platz geschaffen, dass auch die Spieler auf den Flügeln und am Kreis zu Würfen kommen.


39 der 51 deutschen Würfe kamen aus dem Rückraum

Das funktionierte gegen den homogenen WM-Dritten fast nie. Nur fünf der 51 deutschen Versuche kamen von Außen oder vom Kreis, das erste Tor aus diesen Positionen gelang dem deutschen Team zehn Minuten vor Schluss, als der bemitleidenswerte Kreisläufer Christoph Theuerkauf (SC Magdeburg) traf. Es rächt sich im Leistungshandball, solch exzellente und effektive Flügelspieler wie den Hamburger Torsten Jansen nicht ins offensive Spielgeschehen einzubinden.

39 von 51 der deutschen Würfe feuerte also der Rückraum aufs polnische Tor, allein der Göppinger Kraftprotz Lars Kaufmann nahm sich 18 Versuche und traf nur sieben Mal. Diese Quote von 39 Prozent, die immerhin noch besser war als die des Linkshänders Holger Glandorf (zwei von acht), genügt internationalen Ansprüchen nicht. Kaufmann zeigte sich immerhin reumütig. "Wir haben die Angriffe viel zu schnell abgeschlossen", sagte der 27-jährige Halblinke.

Kaufmann war das Sinnbild für die offensive Monokultur; mit seinen gewaltigen, über 120 Stundenkilometer schnellen Sprungwürfen, die immer etwas unbeholfen wirken, charakterisierte er die ungelenken und ungeduldigen Angriffskonzepte. Der oft Belächelte schien der Handballwelt beweisen zu wollen, ein adäquater Ersatz zu sein für den etablierten Pascal Hens (HSV), der das Turnier frühzeitig aus gesundheitlichen Gründen abgesagt hatte. Ein Übereifer, der dem deutschen Spiel nicht guttat.


Kapitän Kraus wirkte verunsichert und überfordert

Das Gehirn der deutschen Mannschaft, Kapitän und Spielmacher Michael Kraus vom TBV Lemgo, wirkte verunsichert und überfordert. Welchen Anteil die taktische Maßnahme Brands besaß, Kraus zunächst auf der Bank sitzen zu lassen und mit Michael Haaß (Göppingen) zu starten, ist unklar. Faktisch ging der Plan Brands nicht auf, so die deutsche 6:0-Abwehr zu stärken: Bis zum 4:6 (zehnte Minute) hatte Polen vier Tore in Unterzahl erzielt, und fast alle über die Mitte. Dort, wo Haaß verteidigte. Dieser Schachzug, den Kapitän zunächst draußen zu lassen, würde im Fußball als Demontage begriffen.

Zu viele Puzzleteile passen einfach nicht: Die schnelle Mitte, der sofortige Wiederanwurf nach einem Gegentor, findet derzeit nicht statt, genauso wenig wie der erweiterte Tempogegenstoß, die zweite Welle. Über die Sicherheit, Abgeklärtheit und Kälte, die dazu erforderlich ist, verfügt das deutsche Team derzeit nicht. Gute Torhüterleistungen wie die von Johannes Bitter, der gegen Polen 39 Prozent aller Bälle parierte, reichen dann nicht aus, um in der Spitze mitzuspielen. Es sieht also ziemlich düster aus für diese Europameisterschaft.


Bereits bei der WM 2007 verlor das Team gegen Polen 25:27

Am Mittwoch heißt Slowenien der Gegner (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), das von Noka Serdarusic trainiert wird, jenem Taktikfuchs, der den deutschen Handball durch seine Zeit beim THW Kiel (1993-2008) bis ins kleinste Detail verinnerlicht hat. Es steht zu befürchten, dass Serdarusic die slowenische Abwehr ebenso gut auf den deutschen Rückraum einstellt wie Polens Coach Bogdan Wenta. Zum Auftakt des Turniers überraschte Slowenien bereits und besiegte Rekordeuropameister Schweden am Dienstag 27:25.

Das Fünkchen Hoffnung, dass es für das Brand-Team besser wird, speist sich aus der Geschichte dieser Mannschaft. Oft schon begann sie ein großes Turnier mit miserablen Leistungen und steigerte sich danach noch in einen Rausch. So auch bei der WM 2007, als sie nach einem ähnlichen Auftritt in der Vorrunde gegen Polen mit dem exakt gleichen Ergebnis (25:27) verlor - und am Ende bekanntlich Weltmeister wurde.



Quelle: SPIEGEL

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